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Der Tagesspiegel

Die Ursache der Dinge zu erkennen, lautet das Motto von Berlins am häufigsten zitierter Tageszeitung. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der amerikanischen Bemühungen um einen Wiederaufbau der Kommunikation unter demokratischen Leitlinien gegründet. Nur wenige Deutsche erhielten damals die Lizenz, um sich an der Schaffung einer entnazifizierten öffentlichen Meinung im Sinne der amerikanischen Kontrolle zu beteiligen. Unter ihnen befanden sich Schweinichen, Karsch, Redslob und Reger. Das Gründungskapital in Höhe von 5000 Reichsmark brachte Heinrich von Schweinichen auf.
Der Gesellschafter stammt aus einem alten niederschlesischen Adelsgeschlecht mutmaßlicher slawischer Herkunft. Sein Familienname leitet sich der Sage nach von einem Ritter ab, der ein wildes Schwein an den Ohren fing und der Königin von Böhmen brachte. Die ersten Ausgaben waren mit diesem Betrag finanziert. Doch im Juni 1946 entzogen die Amerikaner dem von Schweinichen die Lizenz. Während die anderen Herausgeber davon unberührt blieben und bis heute im Impressum erwähnt werden.

Tagesaktuelle Nachrichten für Westberlin

Die erste Ausgabe des Tagesspiegels erschien am 27.09.45 für Westberlin, also nur wenige Monate nach der Herausgabe von Berlins erster Tageszeitung Berliner Zeitung am 21. Mai 1945. In der Sowjetischen Besatzungszone galt der Tagesspiegel als verpönt, während die Berliner Zeitung erst in Gesamt-Berlin und dann für Ostberlin erschien. Bis heute wird der Tagesspiegel überwiegend in Westberlin gelesen. Unter den Abonnementenzeitungen in Berlin verfügt der Tagesspiegel über die größte Auflage, noch vor der Berliner Zeitung, die in beiden Teilen Berlins gleichermaßen stark nachgefragt wird. 1992 kaufte die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck den Tagesspiegel von der Alteigentümerfamilie. 2009 gingen alle Anteile an die neu gegründete Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH. In diesem Jahr zog der Verlag auch um. Seit 1954 hatten die Tagesspiegel-Redakteure Büroräume an der Potsdamer Straße genutzt. Das neue Domizil befindet sich seitdem am Askanischen Platz in Berlin-Kreuzberg.

Eine Fusion des Holtzbrinck-Verlags mit der Berliner Zeitung erlaubte das Bundeskartellamt nicht. Gegen diese Entscheidung brachte der Tagesspiegel vor, einen qualitativ anspruchsvolleren Leserkreis zu bedienen als die Berliner Zeitung. Von daher bestehe nicht die Gefahr eines Monopols.

Überregionaler Anspruch

Obgleich sich das Blatt 2001 verlagsintern als überregional bewertete und auch angab, diesen Selbstanspruch vertiefen zu wollen, wurden tatsächlich nur weniger als 7 % der Auflage außerhalb des Kernverbreitungsgebiets Berlins abgesetzt. 2014 war immer noch keine bedeutende Weiterentwicklung in Richtung Überregionalität erkennbar. Wie bei allen Print-Zeitungen verhält sich die Auflage des Tagesspiegels rückläufig. Ein Projekt, das aus der verblassenden Bedeutung der Marke Tagesspiegel schöpft, ist die digitale Webseite Tagesspiegel-Leute. Diese wirbt damit, einmal in der Woche Insiderwissen über Macher(innen) und Ausgehtipps aus den Kiezen preiszugeben. Die Berichterstattung über Namen und Neuigkeiten wird von Google mit einer halben Millionen Euro gefördert.

Die enge Zusammenarbeit mit der Hamburger Zeit spiegelt sich auch im Personalkarussell wider: Zum 1. März 2017 wechselte Ulrike Teschke vom Zeit-Verlag in die kaufmännische Geschäftsführung der Tagesspiegel GmbH. Der bisherige Tagesspiegel-Geschäftsführer Florian Kranefuß wurde zum Sprecher ernannt.